Die Grenzen der Beherrschbarkeit
Wenn wir als Sachverständige zur Beurteilung von Bäumen in unterschiedlichen Fragestellungen und sozialen Zusammenhängen herangezogen werden, begegnen wir immer auch der Erwartung, Natur müsse sich in eindeutige Antworten und beherrschbare Zusammenhänge fassen lassen. Doch gerade der Einzelfall kann sich dieser Eindeutigkeit entziehen. Explizite Fragen können mit unausgesprochenen, vielleicht noch gar nicht gestellten Fragen verbunden sein – und mit einer Wirklichkeit, die sich nicht vollständig vorausberechnen lässt. So führen uns manche Ereignisse unvermittelt an die Grenzen unseres Beherrschungswillens. Die Natur erinnert uns daran, dass Wissen und Sorgfalt nicht mit Allmacht gleichzusetzen sind. Im Fall der umstürzenden Stieleiche standen andere Themen als die Sicherheit des Baumes im Vordergrund. Im Fall der wiederholt auseinanderbrechenden Rotbuche reichten selbst die technischen Mittel, die zu ihrer Sicherung und zur Verminderung ihres Zerfalls eingesetzt wurden, nicht aus. In beiden Fällen begegnen wir einer Grenze: Trotz unseres weitreichenden Wissens über die Lebensäußerungen, Wachstumsprozesse und Gestaltbildungen von Bäumen bleibt etwas, das sich unserer Verfügung und letztlich auch unserer Vorhersage entzieht. Vielleicht liegt gerade darin eine wesentliche Erfahrung sachverständiger Arbeit: Wir können beobachten, untersuchen, bewerten und handeln – aber wir können die Natur nicht vollständig beherrschen. Manchmal müssen wir anerkennen, dass zwischen dem, was wir wissen, und dem, was tatsächlich geschieht, eine Grenze bleibt.
Zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen.